Ein Hobbyprojekt von
Reinhard Tiedemann, Lüneburg

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Ich bin Diplom-Mathematiker und habe gut dreißig Jahre lang als Aktuar Sterbetafeln und Tarife gerechnet. Im Ruhestand rechne ich an etwas Freundlicherem: an der Frage, wie Menschen zueinander finden. mehr…

Tagungen der angewandten Mathematik: ein Rückblick

Kategorie: Rückblick

Ludwig Prandtl 1904 vor seinem Wasserkanal in Hannover

Wer über die Adresse dieser Seite hierher gefunden hat und eine Fachtagung erwartet, muss ich enttäuschen. Früher war unter diesem Namen tatsächlich eine Tagung der angewandten Mathematik zu finden. Heute schreibt hier ein pensionierter Aktuar über die Mathematik der Partnersuche, als reines Privatvergnügen und ohne jede Verbindung zu einer Fachgesellschaft oder einem Veranstalter. Weil mir die Vorgeschichte der Adresse aber gefällt, habe ich mich ein wenig mit der Geschichte solcher Tagungen beschäftigt. Das Ergebnis steht hier.

Ein Treffen in Leipzig

Die angewandte Mathematik saß im frühen zwanzigsten Jahrhundert an deutschen Universitäten oft zwischen den Stühlen: den einen zu handfest, den anderen zu theoretisch. Einige Leute arbeiteten trotzdem genau in dieser Lücke, und zwei von ihnen gaben den Anstoß zu einer eigenen Gesellschaft: der Göttinger Strömungsforscher Ludwig Prandtl und der Berliner Mathematiker Richard von Mises, unterstützt unter anderem von Hans Reißner.

Im September 1922 fand in Leipzig die Versammlung der Naturforscher und Ärzte statt, und dort wurde am 21. September beschlossen, eine eigene Vereinigung für angewandte Mathematik und Mechanik zu gründen. Einen endgültigen Namen hatte sie zunächst nicht. Formell ins Leben gerufen wurde die Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik, kurz GAMM, am 25. September 1923 in Marburg, damals noch mit dem etwas sperrigen Vornamen „Deutsche Ingenieurwissenschaftliche Vereinigung". Als Gründungsjahr gilt trotzdem allgemein 1922. Eine Zeitschrift gab es schon vorher: Von Mises hatte 1921 die Zeitschrift für Angewandte Mathematik und Mechanik gegründet, die ZAMM, die bis heute erscheint.

Zwei Gründer, zwei Lebenswege

Prandtl (1875-1953) stammte aus Freising und kam 1904 nach Göttingen, wo er bis zu seinem Lebensende blieb. Im selben Jahr trug er auf dem Internationalen Mathematikerkongress in Heidelberg eine Arbeit über Flüssigkeitsbewegung bei sehr kleiner Reibung vor, in der er die Grenzschicht einführte. Das ist die dünne Zone an einer Oberfläche, in der die Zähigkeit einer Strömung eine Rolle spielt, während man sie weiter draußen vernachlässigen darf. Ohne diese Idee wäre die Aerodynamik des zwanzigsten Jahrhunderts kaum denkbar. Ich finde es hübsch, dass einer der folgenreichsten Gedanken der Mechanik auf einer Tagung in die Welt kam.

Von Mises (1883-1953) wurde in Lemberg geboren und leitete ab etwa 1920 das neu gegründete Institut für angewandte Mathematik an der Berliner Universität. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließ er Deutschland 1933 und ging an die Universität Istanbul, 1939 dann in die Vereinigten Staaten, wo er in Harvard lehrte. Für uns Aktuare ist er vor allem als Wahrscheinlichkeitstheoretiker wichtig. Sein Versuch, Wahrscheinlichkeit als Grenzwert relativer Häufigkeiten zu begründen, ist genau die Denkweise, mit der man eine Sterbetafel liest. Und das berühmte Geburtstagsproblem, wie viele Menschen in einem Raum sein müssen, damit zwei mit einiger Wahrscheinlichkeit am selben Tag Geburtstag haben, wird ihm und einer Arbeit aus dem Jahr 1939 zugeschrieben. Die Antwort, 23 Personen für mehr als fünfzig Prozent, habe ich auf Betriebsfeiern öfter vorgerechnet, als meiner Frau lieb war. Eine ausführliche Lebensbeschreibung bietet das MacTutor-Archiv der Universität St Andrews.

Eine Tagung, die wandert

Die erste wissenschaftliche Jahrestagung der GAMM fand 1925 in Dresden statt. Bis 1938 traf man sich regelmäßig, danach nur noch unter schwierigen Bedingungen bis 1943. Nach dem Krieg nahm die Gesellschaft ihre Arbeit 1950 mit einer Tagung in Darmstadt wieder auf. Seitdem ist die Jahrestagung eine Wanderveranstaltung geblieben: Sie findet jedes Jahr an einem anderen Hochschulort statt, in Deutschland oder in einem der Nachbarländer, und zieht mehrere hundert Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an. Die Vorträge erscheinen in einem jährlichen Tagungsband, den Proceedings in Applied Mathematics and Mechanics.

Eine kleine Fußnote für Leser, die sich für Computer interessieren: 1958 trafen sich in Zürich Vertreter der GAMM und der amerikanischen Association for Computing Machinery und legten den Bericht über die Programmiersprache ALGOL 58 vor. Aus dieser Linie stammen viele Sprachen, mit denen Programmierer später gearbeitet haben.

Wie viele Mitglieder die Gesellschaft heute hat, konnte ich nicht sauber klären. Die Angaben, die ich gefunden habe, reichen von etwa 1400 bis etwa 2500. Als Aktuar bin ich es gewohnt, bei solchen Spannweiten lieber keine Zahl zu nennen als eine falsche.

Tagungen hinter dem Bildschirm

Im Frühjahr 2020 kam für Fachtagungen aller Disziplinen die gleiche Nachricht: Absage, Verschiebung oder Umzug ins Netz. Viele Veranstalter, die ihre Tagung um ein Jahr verschoben hatten, mussten 2021 feststellen, dass ein Treffen in Präsenz noch immer nicht möglich war, und luden stattdessen zu Videokonferenzen ein. Vorträge wurden aufgezeichnet oder live gestreamt, Diskussionen fanden im Chatfenster statt, und die Kaffeepause fiel ersatzlos weg.

Ganz schlecht war das nicht. Eine Auswertung, die Matthew Skiles und Kollegen 2021 in der Zeitschrift Nature Sustainability veröffentlichten, kam zu dem Ergebnis, dass virtuelle Tagungen in fast allen untersuchten Punkten besser abschnitten: mehr Teilnehmer, mehr aus dem Ausland, mehr Frauen und Nachwuchswissenschaftler, dazu ein um Größenordnungen kleinerer CO₂-Fußabdruck. Als Grund vermuten die Autoren vor allem die geringeren Kosten und den Wegfall der Reise.

Was verloren ging, lässt sich schlechter messen. Ich war in meinem Berufsleben kein regelmäßiger Tagungsgast, aber ich habe einige Jahrestreffen der Versicherungsmathematiker besucht. Deren Vereinigungen haben ihre eigene lange Geschichte: Die Deutsche Gesellschaft für Versicherungsmathematik wurde im Oktober 1948 in Rothenburg ob der Tauber gegründet, die Deutsche Aktuarvereinigung 1993, und internationale Aktuarskongresse gibt es seit 1895, als der erste in Brüssel stattfand. Aus den Vorträgen dort weiß ich heute kaum noch etwas. Aus den Gesprächen in den Pausen dagegen einiges, darunter die Idee zu einer Tarifänderung, die ein Kollege aus Süddeutschland auf eine Serviette gerechnet hatte. So etwas passiert in einem Videofenster selten.

Von der Grenzschicht zur Partnerbörse

Man mag einwenden, dass Strömungsmechanik und Partnersuche wenig miteinander zu tun haben. Der Zusammenhang ist die Methode. Angewandte Mathematik heißt, ein Stück Wirklichkeit so weit zu vereinfachen dass man damit rechnen kann, und dann ehrlich zu prüfen, was bei der Vereinfachung verloren ging. Prandtl hat das mit der Reibung gemacht, von Mises mit dem Zufall, die Versicherungsmathematik macht es mit Lebensläufen. Und die Mathematiker David Gale und Lloyd Shapley haben es 1962 mit der Frage gemacht, wie man Paare so bildet, dass niemand einen Grund hat, auszubrechen. Davon handelt der Artikel über stabile Paare. Wie man mit Wahrscheinlichkeiten entscheidet, wann man mit dem Suchen aufhört, steht unter der 37-Prozent-Regel, und wer wissen möchte, wer hier eigentlich schreibt, findet das über mich.

Porträtfoto des Mathematikers Richard von Mises

 

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Rechenecke

1/e ≈ 0,3679

So groß ist der Anteil der Kandidaten, die man sich nach der klassischen Stopp-Regel erst einmal nur ansieht. Und ungefähr so groß ist auch die Chance, am Ende den Besten zu erwischen. Herleitung…

Zitat

„Wer rechnet, verliebt sich nicht weniger. Er weiß hinterher nur genauer, wie unwahrscheinlich das Ganze war.“

aus einem Brief an meine Tochter

© Reinhard Tiedemann, Lüneburg