Über kaum ein Thema kursieren so viele Zahlen wie über die Partnersuche, und die meisten davon stammen aus Umfragen, die ein Unternehmen selbst in Auftrag gegeben hat. Ich habe mir angewöhnt, bei jeder Zahl zuerst zu fragen, wer sie erhoben hat, wie viele Leute befragt wurden und ob die Stichprobe die Bevölkerung abbildet. Nach dreißig Jahren in der Lebensversicherung ist das keine Tugend mehr, sondern ein Reflex. Auf dieser Seite stehen deshalb nur Zahlen, die aus amtlicher Statistik oder aus begutachteten Fachzeitschriften kommen. Wo ich selbst schätze, sage ich es dazu.
Wie Paare sich kennenlernen
Die belastbarste Untersuchung dazu kommt aus den USA. Michael Rosenfeld, Reuben Thomas und Sonia Hausen haben 2019 in den Proceedings of the National Academy of Sciences ausgewertet, wie Paare zueinandergefunden haben. Grundlage ist eine repräsentative Befragung von 2017 („How Couples Meet and Stay Together“), bei der die Leute in eigenen Worten erzählen sollten, wie sie ihren Partner kennengelernt haben. Allein unter den Befragten mit einem Partner des anderen Geschlechts waren es gut 3.000 Personen.
Das Ergebnis ist deutlich. Von den heterosexuellen Paaren, die sich 2017 kennengelernt hatten, gaben rund 39 Prozent an, sich online begegnet zu sein. Bei der Vorgängerbefragung von 2009 waren es etwa 22 Prozent gewesen, und damals sah es sogar so aus, als hätte sich der Anteil bei diesem Wert eingependelt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Vermittlung durch Freunde der häufigste Weg gewesen. Etwa ab 2013 lag das Internet vorn. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren war der Online-Anteil schon früher hoch und lag 2017 bei ungefähr 65 Prozent. Die Autoren sprechen davon, dass die Plattformen die Freunde als Vermittler verdrängen. Die klassischen Wege, also Familie, Kirche, Nachbarschaft und Schule, verlieren nach ihren Daten schon seit 1940 an Bedeutung.
Man muss dabei zwei Dinge bedenken. Erstens sind das amerikanische Verhältnisse. Zweitens wurden mehrere Wege gleichzeitig gezählt, wenn jemand etwa über einen Freund auf ein Online-Profil aufmerksam gemacht wurde. Die Prozente addieren sich deshalb nicht zu hundert.
Für Deutschland habe ich keine vergleichbar große, repräsentative und frei zugängliche Auswertung gefunden, der ich die gleiche Genauigkeit zutrauen würde. Es gibt zahlreiche Umfragen von Anbietern, aber die lasse ich aus den genannten Gründen weg. Etwas näher an uns liegt eine Untersuchung aus der Schweiz. Gina Potârcă hat 2020 in der Zeitschrift PLOS ONE Daten der Schweizer Erhebung zu Familien und Generationen von 2018 ausgewertet, mit 3.245 Befragten, die ihren Partner in den zehn Jahren davor kennengelernt hatten. Nach ihren Angaben hatte etwa ein Viertel der Beziehungen, die in den letzten zwei Jahren vor der Befragung begonnen hatten, online angefangen, und unter den Online-Wegen hatten die Apps inzwischen die Führung übernommen. Beziehungen, die über eine App begonnen hatten, waren nach dieser Studie nicht weniger zufriedenstellend als andere. Was sich daraus über die Vorhersagekraft von Profilen und Tests ableiten lässt, ist eine eigene Frage, der ich auf der Seite was Persönlichkeitstests vorhersagen nachgehe.
In unserer Familie ist die Statistik übrigens vollständig abgebildet. Meine Frau und ich gehören zur Kategorie „über Freunde“, wir haben uns 1979 auf einer Fete kennengelernt, zu der mich ein Kommilitone mitgeschleppt hatte. Unsere Tochter gehört zur Kategorie „online“. Mehr als eine Stichprobe vom Umfang zwei ist das natürlich nicht.
Wann in Deutschland geheiratet wird
Hier ist die Lage einfacher, denn das Statistische Bundesamt zählt jede Eheschließung. Nach seiner Pressemitteilung vom Februar 2026 wurden im Jahr 2024 in Deutschland rund 349.200 Ehen geschlossen, so wenige wie noch nie seit Beginn der Zeitreihe 1950. Frauen waren bei ihrer ersten Heirat im Durchschnitt 32,9 Jahre alt, Männer 35,3 Jahre. Dreißig Jahre zuvor, 1994, lagen die Werte bei 27,1 und 29,4 Jahren. Das Erstheiratsalter ist also in einer Generation um rund sechs Jahre gestiegen. Ende 2024 war die Hälfte der Erwachsenen verheiratet, 1994 waren es noch 60 Prozent. Die Zahlen und die Einzelheiten stehen bei Destatis.
Für die Partnersuche bedeutet das vor allem eines: Das Zeitfenster, in dem gesucht wird, ist länger geworden. Wer die 37-Prozent-Regel ernst nimmt und über die Zeit statt über die Anzahl rechnet, müsste seine Beobachtungsphase heute ein ganzes Stück später enden lassen als meine Generation.
Eine Drake-Rechnung für Lüneburg
Im Februar 2010 veröffentlichte Peter Backus, damals Doktorand der Volkswirtschaft an der Universität Warwick, einen halb ernst gemeinten Aufsatz mit dem Titel „Why I don't have a girlfriend: An application of the Drake Equation to love in the UK“. Die Drake-Gleichung stammt aus der Astronomie und schätzt die Zahl außerirdischer Zivilisationen, indem sie viele Anteile miteinander multipliziert. Backus nahm stattdessen die Frauen im Vereinigten Königreich und siebte nach Wohnort London, Alter, Hochschulabschluss, gegenseitiger Anziehung und so weiter. Am Ende blieben 26 Frauen im ganzen Land übrig. Die Geschichte hat ein gutes Ende: Zwei Jahre später hat er eine Frau gefunden, die in seine Rechnung passte.
Ich habe die Rechnung für meine Heimatstadt nachgebaut. Gedacht ist an einen Mann Anfang dreißig, der in Lüneburg eine Frau zwischen 25 und 34 sucht. Die ersten drei Zahlen sind amtlich, die übrigen sind meine eigenen Annahmen, und ich bitte, sie auch so zu lesen.
Lüneburg hatte zum 31. Dezember 2025 nach den Daten des Landesamts für Statistik Niedersachsen 74.502 Einwohner. Frauen stellen nach den Zahlen für 2024 gut 52 Prozent. Für die Altersverteilung nehme ich den Zensus 2022: Von 72.870 Einwohnern waren 11.536 zwischen 20 und 29 und 9.799 zwischen 30 und 39 Jahre alt. Dass die Gruppe der Zwanzigjährigen die größte Zehnjahresgruppe ist, liegt an der Leuphana-Universität mit knapp 10.000 Studierenden. Für die Spanne von 25 bis 34 nehme ich je die Hälfte der beiden Gruppen, das sind rund 14,6 Prozent der Bevölkerung.
| Schritt | Annahme | verbleiben |
|---|---|---|
| Einwohner Lüneburg | amtlich, 31.12.2025 | 74.502 |
| davon 25 bis 34 Jahre | 14,6 % (Zensus 2022, halbierte Altersgruppen) | 10.900 |
| davon Frauen | 52,1 % (Bestand 2024) | 5.680 |
| davon ohne feste Beziehung | 40 % (meine Schätzung) | 2.270 |
| gegenseitige Anziehung | 1 von 20 (meine Schätzung) | 114 |
| man versteht sich auch nach dem dritten Treffen | 1 von 10 (meine Schätzung) | 11 |
Elf Frauen also, in einer Stadt dieser Größe. Das klingt ernüchternd, aber es ist weniger schlimm als es aussieht. Erstens reicht einer ja eine. Zweitens sind die geschätzten Anteile weich. Setzt man die gegenseitige Anziehung auf 1 von 10 statt 1 von 20, verdoppelt sich das Ergebnis, und genau darin liegt der eigentliche Nutzen solcher Rechnungen. Man sieht, welche Stellschraube am meisten bewirkt. Der Frauenanteil ist amtlich und lässt sich nicht verhandeln, die Altersgrenze schon, und die eigenen Maßstäbe erst recht. Schon wer die Altersspanne auf 25 bis 39 erweitert, kommt nach derselben Rechnung auf etwa 17 statt 11.
Drittens wohnt niemand hinter einer Stadtmauer. Die Hamburger Umgebung ist mit der Bahn gut eine halbe Stunde entfernt, und wer online sucht, rechnet ohnehin mit einem größeren Kreis. Genau darin liegt der rechnerische Reiz der Plattformen: Sie vergrößern die erste Zeile der Tabelle um ein Vielfaches, während die letzten Zeilen unverändert bleiben. Wie die Anbieter dann innerhalb dieses Kreises sortieren, beschreibe ich unter wie Partnerbörsen rechnen.
Meine Frau hat die Tabelle gelesen und gemeint, 1979 hätte ich in ihrer Rechnung wohl in der letzten Zeile gestanden, allerdings nur knapp. Ich habe beschlossen, das als Kompliment aufzufassen.
Ein Wort noch zur Genauigkeit. Die Halbierung der Altersgruppen ist grob, der Frauenanteil gilt für die ganze Stadt und nicht für die Altersgruppe, und in einer Universitätsstadt ist die Bevölkerung zwischen 20 und 30 ständig in Bewegung. Die Zahl elf ist deshalb eine Größenordnung und keine Prognose. Mehr darf man von einer Rechnung auf dem Rücken eines Briefumschlags auch nicht verlangen, und mehr hat Backus für London auch nicht behauptet.


