Als unsere Tochter uns ihren heutigen Partner vorstellte, erzählte sie beim Kaffee, die App habe ihr den Mann damals mit einer ziemlich hohen Übereinstimmung angezeigt. Meine Frau fand das romantisch. Ich wollte wissen, wie diese Zahl zustande kommt. Dreißig Jahre Lebensversicherung hinterlassen eben Spuren: Wenn mir jemand eine Kennzahl nennt, frage ich nach der Formel.
Die Formel selbst bekommt man nicht. Kein Anbieter legt sie offen, und das ist aus Geschäftssicht auch verständlich. Man kann aber recht gut rekonstruieren, welche Bausteine grundsätzlich im Spiel sind, und man kann nachlesen, was die Unternehmen öffentlich über ihre Methode sagen. Beides zusammen ergibt ein brauchbares Bild.
Ein Rechenzentrum für Verliebte
Die Idee ist älter als das Internet. Im Jahr 1965 starteten einige Studenten in Harvard ein Projekt namens Operation Match. Die Teilnehmer füllten einen Fragebogen aus, einmal über sich selbst und einmal über die gewünschte Verabredung, schickten ihn mit einer kleinen Gebühr ein und bekamen per Post eine Liste mit Namen zurück. Gerechnet wurde auf einer IBM 1401, einer Lochkartenmaschine von der Größe einer Schrankwand. Im Grunde war das schon das ganze Prinzip: Antworten in Zahlen übersetzen, Zahlen vergleichen, die besten Paare ausgeben.
Heute unterscheide ich grob zwei Familien. Die eine arbeitet mit einem ausführlichen Persönlichkeitsfragebogen, den man vor dem ersten Kontakt ausfüllt. Dazu gehören etwa Parship, ElitePartner, eDarling und be2. Die andere, bekanntestes Beispiel Tinder, fragt kaum etwas ab und lernt stattdessen aus dem Verhalten: wer wen nach rechts oder links wischt.
Was ein Fragebogen eigentlich misst
Die meisten Persönlichkeitsfragebögen stützen sich direkt oder indirekt auf das Fünf-Faktoren-Modell, in der Psychologie meist Big Five genannt. Es beschreibt einen Menschen auf fünf Achsen: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus, also emotionale Labilität. Entstanden ist das Modell aus einer einfachen Überlegung. Wenn eine Eigenschaft wichtig ist, gibt es in der Alltagssprache ein Wort dafür. Also sortierte man Tausende von Eigenschaftswörtern und suchte statistisch nach den Gruppen, die immer wieder zusammen auftreten. Paul Costa und Robert McCrae legten 1985 mit dem NEO-PI einen Fragebogen vor, der für viele Jahre zum Standard wurde.
Technisch läuft es so: Man bekommt Aussagen vorgelegt („Ich bin gern unter Menschen") und kreuzt auf einer Skala an, wie sehr sie zutreffen. Mehrere Aussagen gehören zur selben Dimension, ihre Werte werden zusammengezählt und auf eine einheitliche Skala gebracht. Am Ende steht jeder Mensch als kurze Zahlenreihe da, als Vektor, wie wir Mathematiker sagen. Hinzu kommen meist Angaben zu Werten, Lebenszielen, Kinderwunsch, Religion oder Alltagsgewohnheiten.
Ähnlichkeit, Ergänzung und ein Punktwert
Jetzt müssen zwei solche Zahlenreihen verglichen werden. Die naheliegende Methode ist ein Abstandsmaß. Ein kleines Beispiel mit drei erfundenen Dimensionen auf einer Skala von 0 bis 10: Person A hat die Werte 7, 4 und 6, Person B die Werte 6, 5 und 3. Die Differenzen sind 1, 1 und 3, quadriert 1, 1 und 9, zusammen 11. Die Wurzel daraus, rund 3,3, ist der euklidische Abstand. Je kleiner er ist, desto ähnlicher sind sich die beiden. Um daraus einen freundlich aussehenden Punktwert zu machen, zieht man den Abstand von einem Höchstwert ab oder rechnet ihn in einen Prozentsatz um. Mehr Magie steckt in dieser Stufe nicht.
Interessant wird es bei der Frage, ob man überall Ähnlichkeit belohnen soll. Zwei sehr ordnungsliebende Menschen verstehen sich vielleicht gut. Zwei Menschen, die beide in jedem Streit das letzte Wort haben wollen, eher nicht. Deshalb arbeiten manche Verfahren mit Regeln, die je nach Dimension Ähnlichkeit oder gerade einen gewissen Unterschied bevorzugen, und gewichten die Dimensionen unterschiedlich stark. Genau diese Gewichte und Regeln sind das eigentliche Betriebsgeheimnis.
Was die Anbieter selbst sagen
Ich habe die Selbstdarstellungen der genannten Firmen gelesen. Ich gebe sie hier so wieder, wie sie dort stehen, ohne sie zu bewerten.
Parship ist nach eigener Darstellung 2001 an den Start gegangen. Das Verfahren wurde mit dem Hamburger Psychologen Prof. Hugo Schmale entwickelt, und der Leitgedanke des Unternehmens lautet sinngemäß: Partner sollen sich möglichst ähneln und nur dort unterscheiden, wo es der Beziehung guttut. Das Ergebnis wird in Matching-Punkten ausgedrückt, die zwischen 60 und 140 liegen können; 100 gilt dort als sehr guter Wert.
ElitePartner schreibt, der Test sei 2003 von einem Team um den Berliner Psychotherapeuten Volker Drewes entwickelt worden. Grundsätzlich setze man auf Ähnlichkeit, weil zufriedene Paare einander in vielen Studien ähnlicher seien als unzufriedene. In drei Bereichen, nämlich Nähe und Unabhängigkeit, Behauptung und Anpassung sowie Sicherheit und Autonomie, werde dagegen Ergänzung berücksichtigt. Das Unternehmen beruft sich dabei auf den Schweizer Paartherapeuten Jürg Willi. Die genaue Formel hält ElitePartner nach eigener Aussage vertraulich.
eDarling gibt an, sein Persönlichkeitstest beruhe auf dem Fünf-Faktoren-Modell. be2 spricht von einer wissenschaftlichen Persönlichkeitsanalyse, nach der man eine Beschreibung des eigenen Profils, eine Beschreibung des passenden Partners und Vorschläge erhält. Wie die einzelnen Dimensionen gewichtet werden, habe ich bei keinem der vier Anbieter öffentlich gefunden. Eine unabhängige Prüfung der Vorhersagekraft in einer Fachzeitschrift ebenfalls nicht, soweit ich das überblicken kann. Was die Forschung zur Vorhersagekraft solcher Tests allgemein herausgefunden hat, steht auf der Seite Was Persönlichkeitstests vorhersagen.
Wischen statt Ankreuzen
Die Swipe-Apps gehen einen anderen Weg. Das Stichwort heißt kollaboratives Filtern, bekannt von Buchläden im Netz: Wer dieses Buch gekauft hat, kaufte auch jenes. Übertragen auf die Partnersuche heißt das: Menschen, die ähnliche Profile mögen wie Sie, mochten auch dieses andere Profil, also zeigt man es Ihnen. Anders als beim Buchkauf muss die Zuneigung aber auf Gegenseitigkeit beruhen, denn ein Buch lehnt seinen Käufer nicht ab. In der Informatik nennt man das reziproke Empfehlungssysteme; eine frühe Arbeit dazu ist RECON von Pizzato und Kollegen aus dem Jahr 2010.
Lange kursierte die Behauptung, Tinder bewerte seine Mitglieder mit einer Elo-Zahl, wie sie Arpad Elo für das Schach entwickelt hat: Wer von vielen „gut bewerteten" Menschen angenommen wird, steigt auf. Das Unternehmen hat 2019 öffentlich erklärt, Elo sei dort überholt und werde nicht mehr verwendet. Nach eigener Darstellung zählt vor allem, dass beide Seiten aktiv sind, und zwar möglichst zur selben Zeit. Außerdem spielen Entfernung, Alters- und Geschlechtsvorgaben sowie das bisherige Wischverhalten eine Rolle. Sozialer Status, Religion und Herkunft würden nicht erfasst, heißt es dort.
Für einen Aktuar ist das ein vertrauter Gedanke. Wir haben ja auch nie gefragt, ob jemand ein guter Mensch ist, sondern wie sich Menschen mit ähnlichen Merkmalen im Mittel verhalten haben. Die App kennt Sie nicht, sie kennt nur Leute, die Ihnen im Verhalten ähneln.
Wo die Rechnung aufhört
Beide Familien rechnen mit dem, was vor dem ersten Treffen bekannt ist. Wie zwei Menschen sich in der Küche über den Abwasch einigen, weiß keine Datenbank. Meine Frau und ich haben uns 1979 auf einer Studentenfete kennengelernt, und ich bin ziemlich sicher, das kein Fragebogen der Welt uns damals zusammengebracht hätte. Sie war laut, ich stand am Rand.
Wer konkret auf der Suche ist und wissen möchte, welche Plattform zu welcher Lebenslage passt, findet im Netz Vergleichsseiten, die Preise, Abläufe und Zielgruppen nebeneinanderstellen. Das ist nicht mein Fach, ich bleibe bei der Mathematik dahinter. Wie man aus Vorlieben auf beiden Seiten überhaupt stabile Paare bildet, zeigt der Artikel über den Algorithmus von Gale und Shapley, und wie verbreitet die Partnersuche im Netz inzwischen ist, steht unter Zahlen zur Partnersuche.
Häufige Fragen
Sieht mein Gegenüber dieselbe Übereinstimmung wie ich? Bei einem reinen Abstandsmaß ja, denn der Abstand von A zu B ist derselbe wie von B zu A. Sobald aber persönliche Vorgaben, Gewichtungen oder Verhaltensdaten einfließen, kann die Reihenfolge der Vorschläge für beide Seiten verschieden ausfallen.
Kann man den Fragebogen „richtig" ausfüllen? Man kann ihn geschönt ausfüllen, dann passt der Vorschlag eben zu der geschönten Fassung. Ein Rechenverfahren ist nur so gut wie seine Eingaben; in der Versicherung nennen wir das die vorvertragliche Anzeigepflicht.
Heißt ein hoher Punktwert, dass es hält? Nein. Der Wert beschreibt, wie gut zwei Profile nach den Regeln des Anbieters zusammenpassen. Ob daraus eine gute Beziehung wird, hängt nach dem heutigen Forschungsstand vor allem davon ab, was nach dem Kennenlernen passiert.
Warum ändern sich die Vorschläge in einer Swipe-App ständig? Weil das System laufend neue Verhaltensdaten bekommt, von Ihnen und von allen anderen, und weil Aktivität nach Angaben des Anbieters selbst stark gewichtet wird.



